Spacer
Spacer
Über uns
Spacer
Spacer
Programm
Spacer
Publikationen
Spacer
Spacer
Wassermühle
Spacer
Wanderer
Spacer
Spacer
Impressum
Spacer
Spacer

 

Sonderausstellung: 400 Jahre Dammer Carneval

 

Ein kleiner Einblick in die Sonderausstellung „In närrischer Eigenart. 400 Jahre Dammer Carneval“ und ein kurzer Abriss der Dammer Carnevalsgeschichte der letzten 400 Jahre

Die für norddeutsche Verhältnisse überraschend lange Tradition der Dammer Fastnacht ist im Jubiläumsjahr 2014 sowohl für die Dammer Carnevals-gesellschaft von 1614 e.V. als auch für das Stadtmuseum Damme ein Anlass, einen der vier ständigen Ausstellungsbereiche dort zu erweitern, zu vertiefen und vor allem in seiner eigenen Ausprägung zu verdeutlichen.

Am Anfang steht der Heischegang, ein Brauch, den die meisten Christen seit dem Mittelalter am Abend („Fastnacht“ oder auf Dammer Platt „Fastaubend“) vor Beginn der Fastenzeit, also am Dienstag vor Aschermittwoch pflegten. Die Heischegänger erbaten sich – meist von Nachbarn und Freunden - Nahrung und Getränke, um noch einmal nach Herzenslust zu schlemmen und zu prassen, bevor dann fast sieben Wochen die entbehrungsreiche Fastenzeit begann.

Narr auf Heischegang in derSonderausstellung      Fahne mit Aufschrift  "Anno 1614", Vorderseite

Die Dammer organisierten diesen Heischegang durch die Haushalte des ganzen Ortes schon frühzeitig und schafften sich in der neuen Formation eine Fahne an, die das Gründungsjahr einer Narrengesellschaft zeigt: „Anno 1614“. Fortan war auch die Bezeichnung dieser schwelgerischen Feier mit C festgeschrieben, denn auf der Rückseite der Fahne steht’s barock verschnörkelt: „Dammer Carneval“.

Dammer Kaufleute und Handwerker führten aufgrund ihrer vielfachen Beziehungen ins Rheinland 1868/69 einen radikalen Wandel in der Art der Fastnachtsfeiern ein. Sie übernahmen rheinischen Formen, wählten einen närrischen Herrscher, den Prinzen, entdeckten das Rollenspiel, die Kostümierung, machten das Umherziehen beim Heischegang zum Themen-Umzug, zur Kostümparade, und gaben ein satirisches Blatt, die „Fastnachtszeitung“, heraus. Den überlieferten Heischegang beließ man jedoch, nannte ihn nun allerdings „Gänsemarsch“, weil alle in einer Reihe hintereinander liefen.

Gruppe mit Originalkostümen um 1900 in der Sonderausstellung   Umzug 1913 mit dem Thema "Moderne Fortbewegungsmittel"

Damit hatten die Dammer nun zwei Umzüge, einen am neu eingeführten Rosenmontag und weiterhin einen am „Fastaubend“, auch wenn der nun zu närrischer Zeit um 11 Uhr 1x11 Minuten begann und am Nachmittag mit einem großen Bedauern über das schnelle Vorübergehen des Carnevals endete. Dieses Zelebrieren des Bedauerns nannte man hierzulande „Jammerkaffee“.

Joh. Bernhard Brinkmann, Münsterscher Bischof 1870-1889,ordnete das 40-Stundengebet an

Eigentlich hätten es die Dammer wissen müssen, dass die katholische Kirche und der Bischof von Münster die Fastnachtsfeiern zutiefst ablehnten. Also ordnete der geistliche Oberhirte für die Carnevalstage ein „Vierzigstundengebet“ an, dem sich niemand entziehen durfte. Freilich hatte der Dammer Pfarrer Anton Mertz lange gezögert, dies auch in Damme einzuführen, denn er kannte die Begeisterung der hiesigen Bevölkerung für ihren Carneval, war aber auch selbst dem Narrentum recht zugeneigt.

Pastor Anton Mertz, Pfarrer in St. Viktor musste das 40-Stundengebet 1892 vor Ort durchsetzen

Schließlich verdonnerte ihn sein Bischof endgültig dazu, das Non-Stopp-Gebet in Damme endgültig und verpflichtend 1892 einzuführen. Die Carnevalisten protestierten zwar heftig und an allen relevanten Stellen. Doch es nutzte nichts. Ihren Carneval freilich gaben sie keineswegs auf, sondern verlegten ihn nun um eine Woche nach vorn. So ist es seit 1892 in Damme geblieben.

Trotz mancher prinzenlosen und thematisch wenig originellen Sessionen zwischen 1900 und 1914 mochten die Dammer Narren nach der Zwangspause des Ersten Weltkriegs ab 1920 nicht auf ihre Fastnacht verzichten. Und das trotz grassierender Inflation! Nun betrieben sie den Rosenmontagsumzug zwar mit einfachsten Mitteln, aber mit Galgenhumor und mit dem Bewusstsein, sich in einem „Zug der wilden Zeit“ vergnüglich Luft zu verschaffen. Das ging genau zwei Jahre gut, denn Anfang 1922 kam das allgemeine Carnevalsverbot, da die Obrigkeit der Weimarer Republik Unruhe und Aufstand unter dem Deckmäntelchen der Fastnacht befürchtete. Zwar tarnten die Dammer Narren den trotzdem durchgeführten Umzug 1922 als „Großes Turn- und Sportfest“, aber danach war kaum noch etwas in den wirtschaftlich instabilen Zeiten an Aktivitäten auszurichten.

Die Gruppe "Zeitgemäße Geldschränke" von 1921 aus dem "Zug der wilden Zeit" vorm Bahnhof     Die Serienscheine von 1922, das zu spät gekommene "Dammer Notgeld"

Auch das Dammer „Notgeld“ zur beabsichtigten Garantie eines gewissen Konsums an den Fastnachtstagen, herausgegeben von der Dammer Carnevalsgesellschaft als eigene „stabile“ Währung, erfüllte nicht mehr seinen Zweck. Denn wenige Tage vor dessen Ausgabe wurde diese Form der Zahlungsmittel im ganzen Deutschen Reich verboten. Nun hatten die Serienscheine nur noch Sammlerwert. Immerhin keinen geringen, denn man stempelte auf die Scheine „Der Dammer Lappen kam zu spät, drum ist nicht wahr, was oben steht“. Eine wertsteigernde Besonderheit!

Einen weiteren Neuanfang gab es schon zu Beginn des „Dritten Reiches“, von den Nationalsozialisten zwar unterstützt, aber in Damme von einer Reihe junger Männer getragen, denen es um die Tradition und das Vergnügen ging. Sie machten nun die Fastnacht zur Volksbewegung. Denn den Rosenmontagszug, den zuvor ausschließlich die Mitglieder der Carnevalsgesellschaft gestalteten, öffneten sie nun für alle Bevölkerungsschichten. Sie setzten damit auf mehr Außenwirkung und warben überregional für den Umzug.

Der Gag zum Neuanfang 1933, die "Entführung" des Steinfelder Findlings, Dammer Bahnhofstraße

Aus der Erkenntnis heraus, dass die Nachwuchsarbeit unerlässlich ist, fügten sie nun einen weiteren Umzug nur für die Kinder am Sonntag hinzu und ließen sie einen eigenen Kinderprinzen wählen, der nun auf seinem Festwagen den Höhepunkt dieses Sonntagsumzuges bildete. Seit 1938 hatte Damme als nordische Carnevalshochburg nun drei Umzüge, den Gänsemarsch am Dienstag einbezogen.

Der Wagen des ersten Kinderprinzen Arnold I. Arlinghaus 1938 aus dem Kinderumzug vor Butke-Bollmann

Der Zweite Weltkrieg wie auch die unmittelbare Nachkriegszeit bedeuteten für die Dammer Narren einen weiteren Einschnitt und Neuanfang erst 1949, als man einen Prinzen mit einem zeittypischen Schicksal wählte: Gerade erst ein halbes Jahr aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt und erst 21 Jahre alt, regierte Siegbert I. Rump mit seinem jungen Kollegen Hans I. Mähler als Tollität das Dammer Narrenreich. Der zunächst zögerliche Versuch gelang, womit die Akzeptanz des Carnevals sofort wiederhergestellt war.

Der erste Nachkriegs-Prinz Siegbert I. Rump mit seinem Hofstaat auf dem Prinzenwagen 1949

Um die Fastnacht auf noch breitere Basis zu stellen, bot die Carnevalsgesellschaft nunmehr Galasitzungen für alle Interessierten an. Diese zunächst vorsichtig „Fremdensitzungen“ genannten Veranstaltungen mit vielen Büttenreden und noch mehr Gesang erfreuten sich alsbald größter Beliebtheit, zumal man sie später auch für Kinder und Senioren einführte.

Büttenredner 1951 auf der ersten "Fremdensitzung" Rudi Bell und Günter Rasper im Saal Everding    Die Gruppe "Die Optimisten" im Sonntagsumzug 2004 am Hubertusplatz

Sowohl diese Galasitzungen wie vor allem die Carnevalsumzüge entwickelten Dammer Närrinnen und Narren im Laufe der Jahrzehnte in vielfacher Hinsicht qualitativ wie quantitativ so enorm weiter, dass Damme heute nicht nur die größten Umzüge Norddeutschlands, sondern auch das umfangreichste Sessionsprogramm weit und breit bieten kann. Zum Jubiläumsjahr 2014 kamen weitere Sonderveranstaltungen hinzu, u. a. auch diese Sonderausstellung.


Zur Sonderausstellung „In närrischer Eigenart. 400 Jahre Dammer Carneval“ ist ein gleichnamiges Buch mit über 1250 Abbildungen auf 391 Seiten erschienen und im Stadtmuseum Damme für 25 € erhältlich.